11.03.2009 - Kerzenmeer vor der
Albertville-Realschule in Winnenden
Am 11. März haben um 9:33 Uhr für
3 Minuten in Winnenden und den umliegenden Gemeinden alle Kirchenglocken geläutet. Zu dieser Zeit hat vor einem Jahr der Amoklauf begonnen, bei dem der 17-jährige Schüler Tim K. an der Albertville-Realschule in Winnenden und auf seiner Flucht nach Wendlingen 15 Menschen erschossen und elf schwer verletzt hat.
Den Schülern, Verwandten und Angehörigen der Opfer wird dieser Tag für immer in Erinnerung bleiben. „Wir wollen diese Zeit für uns verbringen, und das ist für die Verarbeitung des schrecklichen Ereignisses ein wichtiger Meilenstein“, sagte Rektorin Astrid Hahn. Deshalb wollen die Lehrer und Schüler zu diesem Zeitpunkt absolut unter sich und ungestört sein. Einen großen Teil des 11. März wird die Schule unter Ausschluss der Öffentlichkeit verbringen.
Bundespräsident Horst Köhler hatte schon im Januar sein Kommen zugesagt. Er hat bereits im vergangenen Jahr während der Trauerfeier eine Ansprache gehalten.
Der öffentliche Teil der Gedenkfeier wurde am Donnerstag ab 11:00 Uhr live im Fernsehen übertragen. Für jedes der Opfer wurde von den Schülern ein Gedenkstein gesetzt und ebenso aus Steinen ein "Weg in die Zukunft" ausgelegt.
Die Polizei versprach im Vorfeld Diskretion, obwohl Bundespräsident Horst Köhler geschützt werden musste. Viele Polizisten waren statt in Uniform in zivil vor Ort. Die Schulen im Landkreis wurden an diesem Tag besonders beobachtet, da Trittbrettfahrer, die das Datum nutzen könnten, der Polizei Sorgen bereiteten.
Derzeit werden die Schüler der Albertville-Realschule in einem Provisorium aus Containern unterrichtet. Momentan erhält die Schule ein neues Gesicht, damit das Bild, was sich nach dem Amoklauf in die Köpfe eingebrannt hat, verschwindet. Bereits ab dem Sommer 2011 sollen die Schüler in das neue „alte“ Gebäude zurückkehren können.
Während am 11. März um 09:33 Uhr die Kirchenglocken in Winnenden und Umgebung läuteten, haben wir ebenfalls den Opfern gedacht. Barbara Nalepa aus Winnenden hat ein Gedicht vorgelesen. Dieses Gedicht widmete Barbara ihrer damals 15-jährigen Tochter Nicole und allen 14 weiteren Opfern, die bei dem Amoklauf ums Leben kamen.
Du bist ein Schatten am Tage
und in der Nacht ein Licht;
du lebst in meiner Klage
und stirbst im Herzen nicht.
Wo ich mein Zelt aufschlage,
da wohnst du bei mir dicht;
du bist mein Schatten am Tage
und in der Nacht mein Licht.
Wo ich auch nach dir frage
find`ich von dir Bericht,
du lebst in meiner Klage
und stirbst im Herzen nicht.
Du bist mein Schatten am Tage
und in der Nacht ein Licht;
du lebst in meiner Klage
und stirbst im Herzen nicht.
Friedrich Rückert
Hit-Radio ANTENNE 1-Hörer Marko Basler aus Stuttgart möchte ebenfalls mit einem selbstgeschriebenen Gedicht den Opfern des Amoklaufes gedenken.
STILLE HERZEN
Leise geht die Sonne auf
sie scheint in jedes Zimmer
Menschen stürmen hektisch raus
doch nichts wird heut wie immer
leise ziehen Wolken auf
Hass und Wut geht um
plötzlich steht Gewalt im Raum
Menschen werden stumm
leise gehen Herzen aus
hilflos steht man da
Panik und Betroffenheit
die ganze Welt ist starr
leise gehen Kerzen an
Tränen laufen nieder
alles ist auf einmal still
doch Herzen komm nie wieder
Eine Mutter schreibt sich den Schmerz von der Seele:
Es war der Tag, an dem ihre Tochter von einem jugendlichen Amokläufer in den Tod gerissen wurde. Wie konnte es zu diesem entsetzlichen Verbrechen kommen? Was läuft in unserer Gesellschaft schief? Gisela Mayer ist engagierte Mutter und Ethiklehrerin. Seit langem schon kämpft sie gegen die Gleichgültigkeit und Kälte, die sich in unserer Gesellschaft immer stärker verbreiten. Sie fragt, warum viele Kinder und Jugendliche keinen Respekt mehr vor anderen Menschen haben; sie lehnt Killerspiele und Gewaltvideos ab, weil sie uns immer mehr abstumpfen lassen; und sie zeigt, was sich ändern muss, damit es kein zweites Winnenden mehr geben kann. Ein mutiges Buch, das durch seine Klarheit und Haltung überzeugt.